Freitag, 24. August 2012

Verdirbt zuviel Geld den Charakter?

In der ARD-Sendung "Panorama" wurde gestern abend ein Beitrag ausgestrahlt, der sich mit der zunehmenden Entsolidarisierung unserer Gesellschaft befasst. Hierin wird dargestellt, wie sich sog. "Besserverdienende" gegen geplante oder bereits bestehende soziale Einrichtungen in "ihrem" Wohngebiet - auch mithilfe von unwahren Behauptungen und Vorurteilen -  erfolgreich zur Wehr setzen:

Dieser Beitag ist eine hervorragende Ergänzung zu der von der Unternehmerin Claudia Obert in der Sendung "Menschen bei Maischberger" am vergangenen Dienstag getätigten Äußerung im Sinne von "Es gibt in meinen Augen keine Arbeitslosen, nur Arbeitsscheue". Bei Klaus Baum wurde hierauf bereits ausführlich eingegangen: http://klausbaum.wordpress.com/2012/08/22/claudia-obert/

Wenn ich derartige Beiträge sehe stellt sich mir jedenfalls immer die Frage: Wie ticken wohlhabendere Menschen eigentlich und was für ein Welt- und Menschenbild ist ihnen zueigen? Natürlich kann man nicht alle Besserverdienenden/Wohlhabenden über einen Kamm scheren. So wie bei allen anderen Bevölkerungsgruppen gibt es auch unter ihnen solche und solche. Allerdings scheinen mittlerweile in weiten Kreisen dort "oben" verstärkt Standesdünkel Einzug gehalten zu haben. Wie anders lässt es sich z.B. erklären, dass ein Gericht trotz erwiesener falscher Behauptungen seitens der klagenden Anwohnerschaft aus dem "gehobenen Bürgertum" - welche der Anwalt der Kläger freimütig vor der Kamera zugab - sein Urteil zu deren Gunsten fällt? Richter gehören schließlich auch nicht gerade zu den Geringverdienern im Lande. Ist dieses Urteil somit als eine Art Solidaritätsbekundung unter Standesgenossen zu verstehen?

Wird mensch mit steigendem Einkommen/Vermögen nun evtl. anfälliger für die Ausbildung charakterlicher Mängel? Gehen dabei im Laufe der Zeit mit dem wachsenden Kontostand ursprünglich vorhandene Eigenschaften wie Solidarität mit sozial Schwächeren, Empathie und Bodenhaftung immer mehr verloren? Ändert sich das eigene Welt- als auch Menschenbild dabei grundlegend? Offen eingestanden: Ich weiß es nicht. Ich kann mich in die Denkmuster eines wohlhabenden Menschen mangels eigener dahingehender Erfahrung nun mal nicht hineinversetzen. Wie jeder "einfache" Mensch spiele aber natürlich auch ich gelegentlich mal mit dem Gedanken "Was wäre wenn...".
Gut, die Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendwann einmal über nennenswerte Vermögenswerte verfügen sollte, ist äußerst gering. Außer Lotto ist da nichts weiter an diesbezüglichen Chancen und da ich aus finanziellen Gründen nicht regelmäßig spielen kann ist die eh schon allgemein recht dürftige Gewinnwahrscheinlichkeit bei mir noch niedriger anzusetzen. Aber es könnte ja dennoch mal sein, dass...

Und falls dieser unwahrscheinliche "Ernstfall" dann doch mal unerwarteterweise eintreten sollte habe ich mir natürlich schon einen Verhaltenskodex dazu zurecht gebastelt. So habe ich mir z.B. für den Fall der Fälle ganz fest vorgenommen, auf gar keinen Fall "abzuheben", sondern mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu bleiben. Ich habe nicht vor, mir ein tolles Häuschen in einer "besseren" Wohngegend zu errichten, ich möchte mir keinen Luxusschlitten zulegen und auch keinen überflüssigen Technikschnickschnack wie den neuesten Super-3D-Megafernseher. Ich möchte das Geld auch nicht zur weiteren Vermehrung in irgendwelche Spekulations- oder sonstige Finanzmarktprodukte stecken. Ich möchte weiterhin "normal" bleiben und nicht auf andere, die weniger Glück hatten, herabsehen. Ich möchte im Gegenteil andere Menschen an meinem Glück teilhaben lassen und soziale Einrichtungen und Projekte für Mensch und Tier fördern und unterstützen. Der einzige Luxus, den ich mir gönnen würde, wäre für ein paar Wochen die winterliche Flucht aus meiner "Kühlschrankgegend" in etwas wärmere Gefilde. Kurzum: Ich möchte trotz plötzlichen Reichtums weiterhin bescheiden bleiben, dabei nicht vergessen, woher ich komme und versuchen, so "anständig" wie möglich zu bleiben sowie hilfebedürftige Menschen fördern und unterstützen. Soweit dann die Theorie.

Ob diese guten Vorsätze von mir dann in besagtem "Ernstfall" jedoch auch vollständig in die Praxis umgesetzt würden? Ich kann es ehrlich gesagt nicht versprechen. Ich weiß schließlich nicht, ob bei mir irgendwo da oben nicht doch irgendwas "aushakt", wenn mich von jetzt auf gleich ein entsprechend hoher Betrag von meinem Kontoauszug her anlächeln sollte. Vielleicht falle auch ich dem Größenwahn anheim und es packt mich die Gier nach immer noch mehr. Möglicherweise lebe auch ich dann mit diesen furchtbaren Verlustängsten, dass eines Tages all das viele schöne Geld auf einen Schlag weg bzw. nichts mehr wert sein könnte. Vielleicht empfinde auch ich mich dann als "Leistungsträger", der verächtlich auf all die kleinen Habenichtse unter sich schaut und der das zahlen von Steuern als staatliche Enteignung betrachtet. Eventuell werde auch ich dann entsolidarisiert und gehe des Verständnisses und Mitgefühls anderen Menschen sowie ihren Lebensumständen gegenüber komplett verlustig. Mein bisheriges Welt- und Menschenbild könnte sich somit grundlegend wandeln. Es könnte sein, dass mir diese ungewohnte "Höhenluft" nun mal nicht bekommt. Möglicherweise werde ich dadurch bedingt ganz schnell ganz stark vergesslich und trete meinen ursprünglich aufgestellten Verhaltenskodex für den Ernstfall Stück für Stück in die Tonne. Ich weiß eben nicht, ob ich stark genug sein würde, um im Falle plötzlichen und unerwarteten Reichtums meinen Charakter vor den vorgenannnten Vergiftungserscheinungen zu schützen.

Wie gesagt, ich habe mir fest vorgenommen, auch als "Wohlhabender" weiterhin einfach nur ein Mensch unter vielen anderen Menschen zu bleiben. Aber ob ich letztlich nicht doch ganz anders "ticken" würde als wie zur jetzigen Zeit, diese Frage muss halt offen bleiben. Andererseits - die Antwort darauf würde ich allerdings dann schon mal ganz gern in der Praxis finden können dürfen...


Kommentare:

  1. Meine Meinung ist, dass Geld den Charakter nicht verdirbt. Es gibt eine Reihe wohlhabender Leute, die mit ihrem Geld gemeinnützige und humanitäre Projekte unterstützen. Mäzenatentum ist selten, aber es existiert.

    Geld verdirbt den Charakter nicht, Geld legt den wahren Charakter eines Menschen frei. Die Panoramasendung habe ich auch gesehen, für mich sind die dort agierenden Gutsituierten [die ursprüngliche Formulierung wurde entfernt, weil justiziabel]

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  2. Ich denke, dass viele, die ihr Geld weitgehend selbst erarbeitet haben, einfach "von sich ausgehen". So nach dem Motto: weil mir das gelungen ist, sollte es doch jeder Andere auch packen, der es wirklich will!

    Dabei übersehen sie ihre guten Chancen, ihre "geschenkte Bildung", glückliche Zufälle, Ressourcen und Unterstützung anderer, die nicht jeder hat. Ebenso sehen sie nicht, dass auch unternehmerischer Erfolg eine Kehrseite hat und dass eine Gesellschaft, in der wirklich JEDER nach Erfolg, Geld, Status strampeln würde, ziemlich unerträglich wäre.

    Wie jene denken, die ihr Geld ererbt haben, wäre im Vergleich dazu interessant zu wissen.

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  3. Wenn ich die Nachrichten jeden Tag so lesen gibt es darauf nur eine Antwort: Ja. Wirklich neu ist das aber nicht ;-)

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  4. Eine pauschale Antwort kann es hierauf nicht geben.

    Es liegt wesentlich an der Zielsetzung des heutigen Lebens; und daran, dass alles, aber auch wirklich alles als Ware gesehen wird. Selbst der Mensch wird als Ware gesehen. Als gesunder Mensch verkauft er seine Arbeitskraft, als kranker macht die Industrie mit ihm das Geschäft an seiner Krankheit.

    Das Ziel der heutigen Gesellschaft ist einzig und allein der Profit und nicht die Verwirklichung des Menschen.

    Mit totschka stimme ich überein, indem er sagt, Geld legt den wahren Charakter eines Menschen frei.

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  5. Sehr schöner Text, der mir aus der Seele spricht.

    Habe Dich gerade in meine Blog-Roll aufgenommen.

    Weiter so!

    Gruß, Duderich
    aufzeichnungen-eines-gutmenschen.blogspot.com

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