Samstag, 11. August 2012

Depressionen - eine Ergänzung aus Betroffenensicht

Als Ergänzung zu den Diskussionsbeiträgen rund um den Beitrag über die Selbsttötung der Schauspielerin Silvia Seidel hier Auszüge einer privaten E-Mail, die ich von einem vor mehreren Jahren selbst an Depressionen erkrankten Menschen erhalten habe. Nach Einholung der entsprechenden Genehmigung darf ich diese Zeilen, die vor allem für bislang noch nicht allzu sehr mit dem Thema "Depressionen" vertraute Menschen und somit natürlich auch für mich sehr aufschlussreich sein dürften und die auch die eine oder andere kritische Anmerkung zu meinem Beitrag enthalten, hier veröffentlichen:

(...) Dazu möchte ich anmerken, dass ich 1995 einen Selbsttötungsversuch unternommen hatte. Wie erwähnt hatte ich Depressionen und das ist eine der schlimmsten und fiesesten Krankheiten. Sagen auch viele Experten und Betroffene und Angehörige. Wie es wirklich ist, wie es sich anfühlt und wie die Welt sich einem in der Krankheit darstellt, fällt mir auch schwer zu beschreiben. Letzte Woche gab es eine Meldung in der Fachpresse, dass festgestellt wurde, dass man, wenn die Depression weggeht, sogar objektiv messbar anders sieht. Also tatsächlich die Wahrnehmung der visuellen Informationen anders ist. Hauptsächlich geht es wohl um die bessere Wahrnehmung von Konturen, die wieder schwarz und weiß zeigen und nicht mehr verschwommenes grau. Das kann ich nur bestätigen. Als ich 2002 endlich die richtigen Medikamente bekam, die ich in geringer Dosis immer noch nehme, ging es mir Tag für Tag besser. Die Weltsicht änderte sich. Die Wiesen und Bäume waren plötzlich viel grüner, der Himmel blauer. Ich kann Dir nicht wirklich beschreiben, was das für ein Glücksgefühl bei mir auslöste. Ich habe oft vor Freude geweint. Ich hatte Freunde, sehr liebe Freunde, eine ganz liebe Familie, ich habe während der Depression das Studium durchgezogen. Dort allerdings die falschen Tabletten bekommen, die mich zwar ein bisschen stabilisierten, aber die unangenehme Nebenwirkung hatten, dass sie zu sehr dämpften. Ich habe teilweise 12-16 Stunden geschlafen. Hat mich im Nachhinein geärgert, dass mein Psychiater damals so ein feiger Typ war und Trizyklische ADs gab, weil er sich an die viel wirksameren und neueren SSRIs nicht rantraute. Erst 2002, als ich wieder unbemerkt, weil es so schleichend geht, in ein tiefes Loch gefallen war, hat mir mein Hausarzt SSRIs verschrieben. Erst danach hatte ich auch die Chance mich selber wieder weiter zu entwickeln. Gefühle wurden wieder erlebbar und ich konnte lernen damit umzugehen. Mit den alten ADs war ich relativ abgestumpft. Achja, und es war natürlich immer wichtig jemand zu haben. Ich erinnere mich, dass ich Tage hatte, wo ich den ganzen Tag in meinem Zimmer verbrachte, die Vorhänge zugezogen und mir alle möglichen schlimmen Gedanken gemacht habe. Abends ging ich dann zu meinen Eltern abend essen. Die regten mich zwar meist auf, mit ihren „Alltagsproblemen“ und ihrer „unkritischen oder positiven“ Weltsicht, aber ich war wenigstens ein bisschen abgelenkt von meinen Gedanken. Hatte zwar oft meine Gedanken mitgeteilt, aber nie das Gefühl, wirklich verstanden zu werden. Ich verstand es ja selbst nicht. Eines ist mir aber 100% klar: Ohne Antidepressiva gäbe es mich heute nicht mehr! Die zweite Tiefphase 2002 hätte ich nicht überlebt. Ich hatte schon überlegt, nach Spanien oder Russland zu fahren, damit meine Eltern es nicht noch einmal hautnah miterleben müssen. Ich war auch beim Psychotherapeuten – und da beim besten in der ganzen Region! Der hat mir zwar viel geholfen, aber so richtig möglich wurde es erst durch die richtigen Medikamente. Mit den Medis war die Verhaltenstherapie ein wahrer Segen. Ich kann nur positiv darüber berichten. Psychotherapie bei einem kompetenten Psychologen? Nicht zu schlagen. Was sich da alles verändern kann, wenn man bereit dazu ist! Irre! Geht bei den meisten psychischen Störungen auch nicht ohne...

Und aus dieser Tatsache heraus möchte ich zwei Bemerkungen machen. Erstens ist es zwar ganz lieb gemeint von Menschen, dass sie einen aufheitern wollen und es ist bestimmt nicht so, dass es schadet. ABER, so richtig toll ist es für Betroffene gar nicht. Man merkt es, dass die Menschen nett sind. Dass sie Mitleid haben. Dass sie helfen wollen. Bei mir war es so, dass mich das noch betrübter gemacht hat. Ich wollte nicht, dass sich jemand wegen mir Sorgen macht. Ich fand gar nicht, dass ich das Recht hatte zu leben, umso schrecklicher, dass ich damit auch noch andere Menschen belaste bzw. zur Last falle. Es tat mir auch leid, dass ich den Menschen nicht zeigen konnte, dass ich mich freue über ihre Anteilnahme. Es ging einfach nicht und es wurde immer belastender. Zweitens bin ich etwas traurig, dass Du das Ganze als Aufhänger für eine Gesellschaftskritik hernimmst. Der Gesellschaft mach ich z.B. gar keinen Vorwurf. Ich war krank, nicht die Gesellschaft. OK? Silvia Seidel hat, wie ich gelesen habe, zu ihrer Stammwirtin gesagt, dass die Trennung von ihrem Freund/Mann für sie jetzt den letzten Grund zum Leben genommen hat. Ihre Mutter hatte sich 1992 auch das Leben genommen. Sie fühlte sich ganz allein auf der Welt und sah keinen Grund mehr alles auf sich zu nehmen. Und die Theatertourneen und Vorabendserien waren für sie bestimmt eine ganz große Anstrengung und Qual. In der Depression ist alles anstrengend. Hat der Freund/Mann nun „Schuld“? Nein, hat er nicht. Er hat auch nur ein Leben und konnte nicht mehr mit ihr leben. Hat die Unterhaltungsbranche Schuld? Nein, es wäre ihr in jeder anderen Branche vermutlich ähnlich ergangen. Hat „die Gesellschaft“ Schuld? Auf gar keinen Fall! Es ist eine Krankheit und eine der schlimmsten, dass kann ich Dir sagen. Haben die Nachbarn Schuld? Nein, auf gar keinen Fall. Es wäre ihr bestimmt unangenehm gewesen, wenn die sich um sie gesorgt hätten. Sie hätte sie bestimmt sogar von sich gewiesen / gestossen. Jede Depression ist anders. Deshalb wage ich auch nicht zu behaupten, dass die richtigen Medikamente bei ihr auch geholfen hätten, vielleicht ja, vielleicht nein. (...)

(...) Es wäre mir ein persönliches Anliegen, dass Menschen ein bisschen mehr Einblick in diese schreckliche Krankheit bekommen. Es haben immerhin ein paar Millionen Menschen in Deutschland Depressionen. In unterschiedlichen Ausprägungen, in unterschiedlichen Stadien, in unterschiedlichem Behandlungsgrad. Gerade als Angehörige tut man sich sehr schwer. Man möchte helfen, weiß aber nicht wie. Ich weiß es auch nicht. Außer „da sein“ fällt mir nichts Konkretes ein. Auch gegen den „Widerstand“ des Betroffenen immer wieder möglichst „normal“ mit demjenigen umgehen, auch zu Aktivitäten animieren, die er/sie (eigentlich) gerne macht. Das ist eine schwierige Aufgabe, da ja das Feedback meist nicht sehr positiv ist. Aber es ist trotzdem wichtig. Insofern stimme ich Dir zu, dass man sich um andere kümmern sollte.

Allerdings möchte ich aus meiner Erfahrung heraus auch erwähnen, dass auf der ganz individuellen Ebene – alles immer aus meiner Sicht, ja? – es das beste ist, sich um sich selbst zu kümmern. Schauen, dass man selbst klar kommt, dass es einem gut geht, schauen, wo man sich selber etwas günstiger verhält, damit man weniger verletzlich ist, dass man sich selbst eine gute Behandlung gönnt. Sich selbst mögen. Dann kann man sich selbst auch annehmen. Ich mag mich auch nicht immer. Aber im Großen und Ganzen mittlerweile schon. Ich achte darauf, was mein Körper mir sagt. Dadurch kann ich die meisten Wehwechen und Krankheiten bestimmt schon präventiv abwehren. Und ich achte darauf, was mein „Bauch“ sagt. Denn wenn ich das nicht tue, kriege ich ja tatsächlich Bauchschmerzen. Ich somatisiere meine psychische Befindlichkeit über den Verdauungsapparat. Klingt komisch, ist aber so. Andere somatisieren über andere Körperorgane, ich eben über die Verdauung. Das hört sich jetzt alles egoistisch an, ist es aber nicht. Denn nur wenn ich einigermaßen mit mir im Reinen bin, kann ich mich öffnen für andere. Dann kann ich mich auch wieder verletzlich machen. (...)

Kommentare:

  1. Eine sehr offenherzige und damit auch mutige Beschreibung einer schweren Krankheit, die zwar eine Zeitkrankheit ist, aber dennoch in der Gesellschaft gern etwas heruntergespielt wird.

    So gut, wie hier geschildert, konnte ich das Krankheitsbild, obwohl ich jahrelang einen depressiven Freund hatte, noch nicht so deutlich "nachvollziehen". - Auch über die Depressionsfibel von Volker Faust, ersch.
    1987, die einen sehr guten Überblick über diese schwere Erkrankung beinhaltet, habe ich so eine direkte und anschauliche Beschreibung dieses Leidens noch nicht erfahren. Hier zeigt sich ein wunderbares Exempel im Unterschied zwischen abstrakter und konkreter Schilderung.

    Danke an die Autorin für den Beitrag und an "Harzpeter" für die Veröffentlichung.

    Hartmut

    AntwortenLöschen
  2. Interessanter Beitrag!
    Ich glaube solche psychische Erkrankungen wie Depressionen sind eine Konsequenz des Systems, das wir erschaffen haben. Kapitalismus. Drück, Stress, hohe Anspruche, hohe Erwartungen, die Zeit, Geld, Geldprobleme, etc. Wir haben alles erfunden sozusagen. Das ist bestimmt ein Grund unter vielen dafür, dass in der ersten Welt so extrem viele Menschen an einer Depression leiden. Also, die Schuld wäre doch in dem Fall teilweise von der Gesellschaft.
    Information ist megawichtig, um sich selbst zu verstehen und um sich selbst helfen zu können (im Gegenteil von was die meisten denken, Psychologen können nur helfen, den Weg zur Heilung zu finden; sie heilen doch nicht).
    Ich hatte (habe) selbst eine Depression, habs durch einen Depressionstest herausgefunden. So entschied ich mich endlich dafür, einen Psychotherapeut zu besuchen. Das hat mir nur Gutes getan. Je mehr über meine Krankheit weiß, je längere Zeit ich die Therapie mache, desto besser verstehe ich mich und wie mein Gehirn funktioniert und desto besser fühl ich mich allgemein.
    LG und alles Gute zu denjenigen, den ebenso wie ich an psychischer Erkrankungen leiden.
    Lydia Lozano

    AntwortenLöschen